KOMMENTAR  ZUR  AUSSTELLUNG

Archi Galentz stammt aus einer weit verzweigten Künstlerfamilie. Sein Großvater schuf im Süden der damaligen Sowjetunion etliche Denkmäler im Namen der ruhmreichen Vergangenheit und malte Bilder im Stile des Sozialistischen Realismus. So einfach und direkt dessen Verhältnis zur Kunst auch gewesen sein mag, so kompliziert und verschattet ist das des Enkels geworden.

Es gibt im Werk dieses Malers niemals eine unverschlüsselte oder eindeutige Aussage; alles wird in Frage gestellt. Immer wieder hebt er das, was er gerade formuliert hat, mit der nächsten Zutat wieder auf. Er verrätselt seine Stilleben mit kleinen Gegenständen, die wohl russischer oder auch armenischer Herkunft sind, stellt aber im selben Bild Embleme des Westens, Zeitschriftenausschnitte oder Pop-Art-Symbole an deren Seite und schafft so Kunstwerke, die eigentlich nirgendwo so richtig zu Hause sind. Zwar ist der russische Ursprung unverkennbar, die Lust an der Anekdote und der Hang zur offenen Farbigkeit. Doch konterkariert wird jene östliche Stimmung spätestens dann, wenn wir feststellen, daß die Szene hier in Berlin gestellt ist.

Es wäre vermessen, die Bilder zu deuten, und es wäre für seine Kunst nur abträglich, die vielen, oft unscheinbaren Attribute aufzuspüren, um irgendwann analytisch den Schluß zu ziehen, was der Maler mit dem Beziehungsgeflecht sagen will. Ich bin sicher, so eine Deutung wäre immer falsch, denn Archie Galentz sucht auf seinen Bildern selbst nach dem Sinn des Ganzen. Er sucht sich selbst und schafft im Bild seine Identität. Er versucht die tiefe armenisch-russische Vergangenheit zu behalten, um sie mit seinem Leben hier im Westen zu integrieren. Er tut sich dabei schwer. Am ungebrochensten und für mich immer überzeugend gelingt ihm das in den kleinformatigen Skizzen und Collagen, die er ganz frei ausprobiert, vorzeichnet, koloriert, collagiert, mit Buntstiften nochmals nachzeichnet, teilweise wieder ausradiert, um sie, im Zustand des Halbfertigen, kompositionell und farbig völlig überzeugend, stehen zu lassen. Hier zeigt sich das individuell bildnerische Talent ohne Einschränkung.

Es liegt auf der Hand, daß er sich bei größeren Formaten, bei genauerer Formulierung, im Labyrinth seiner Welten verlaufen kann. Eine gewisse Ratlosigkeit scheint ihn an manchen Stellen zu befallen, die Bilder werden dann immer wieder umkomponiert, Gesichter bleiben unvollendet und Situationen so seltsam unklar, als brächen hier Erinnerungen ab, als wüßte er nicht mehr, wie es weiterging, wie es war, damals. Damals und heute, so weit entfernt liegt das Blau der Vergangenheit und so nah jetzt der Berliner Alltag, der Blick auf die Kaiser-Friedrich-Straße. Und er findet in seiner Kunst, wie im Leben, den Weg durch beide Welten, fühlt sich nicht als Fremder, sondern ist in beiden zu Hause.

Klaus Fußmann

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